
Über Jahrzehnte haben wir die Städte um das Auto herum gebaut, haben ihnen mehr und mehr Platz eingeräumt mit Autobahnen vier, sechs oder achtspurig und jetzt gibt es Ideen, einige Abschnitte 10-spurig auszubauen. Gleichzeitig werden die Autos immer größer und aktuelle SUVs passen kaum noch in die Fahrspuren, geschweige denn in Parklücken.

Als Ergebnis fallen allein 21,1% unserer Emissionen auf den Straßenverkehr. E-Autos und E-LKW fahren zwar emissionsarm, doch für unsere Innenstädte und Kommunen wird es nicht ausreichen, unsere 61 Millionen Fahrzeuge zu elektrifizieren. Für zukunftsfähige und lebenswerte Städte brauchen wir mehr. Autos sind Platzverschwendung beim Fahren und beim Parken. Auch heizen sich Straßen im Sommer extrem auf, was im Klimawandel das Leben in Städten weiter erschwert. Gerade in Innenstädten verschenken Straßen und Parkplätze wertvollen Raum. Diesen können wir besser nutzen: Für Fußgänger, Radfahrer, kühlende Bäume und für Orte der Begegnung und Erholung, wo wir uns in der eigenen Stadt wieder wohl fühlen.
Das bedeutet Veränderung. Wer heute schon zu Fuß geht, Fahrrad fährt oder die S-Bahn nutzt, freut sich darauf. Autofans hingegen werden bei dem Gedanken nervös. Dennoch ist eine neue Gestaltung unserer Innenstädte dringend notwendig und kann schön werden. Hand aufs Herz, liebe Autofreunde, wann hat euch zuletzt jemand vorgeschwärmt: „Also am liebsten mag ich ja diese wunderschöne Hauptverkehrsstraße mitten durch die Innenstadt. Die fügt sich so phantastisch ins Stadtbild an, und jeder Atemzug entlang der Fahrbahn vermittelt mir dieses großartige Gefühl von Kraft, Fortschritt und Lebenslust.“
Schaut man auf die Zahlen, sind Autos die größte Verschwendung unserer modernen Zeit. Eine kleiner Dreisatz: In Deutschland haben wir 49,3 Mio PKW. Mit diesen fahren wir jährlich 711.564 Millionen Kilometer. Das sind 14.400 km pro Fahrzeug. Unterstellt man eine durchschnittliche Geschwindigkeit Innenstadt, Landstraße, Autobahn gemischt von 50 km/h, ergibt sich eine Fahrtzeit von von 50 Minuten pro Tag und Auto. Die restlichen 23 Stunden steht ein Auto in der Gegend herum – jeden Tag. „Selbst zu Spitzenstunden sind nie mehr als zehn Prozent der Fahrzeuge gleichzeitig unterwegs“ (MiD-Bericht, PDF Seite 5). Warum heißt es eigentlich Fahrzeug und nicht Stehzeug?
Autos fressen den knappen Platz der Innenstädte. Gleichzeitig heizen Beton, Teer und Asphalt die Städte auf. Das können wir besser. Immer mehr Kommunen denken Raumnutzung neu. Parkplätze werden zurück gebaut, machen Platz für Fuß- und Radwege, Büsche und Stadtbäume, Sitzgelegenheiten Orte der Erholung, der Begegnung und Raum zum (Er)leben.
Bekanntes Beispiel dafür ist Paris. Schon immer haben die Pariser ihre Stadt aktiv gestaltet, stets wieder umgebaut und neu erfunden. Seit 2014 setzt Bürgermeisterin Anne Hidalgo konsequent auf weniger Auto und mehr Lebensraum. Dies freut auch die Einwohner:innen. Erst kürzlich sprachen sich die Bürger:innen von Paris für weitere 500 autofreie Straßen aus. Das Ergebnis beeindruckt, wie hier in der Avenue Daumesnil (vgl. Google Streetview 2011-2024).

Auch Düsseldorf liefert ein gutes Beispiel mit der neu gestalteten Rheinuferpromenade.

Ebenfalls konsequent ist das Konzept der Barcelona Superblocks. Der Autoverkehr wird dort auf Hauptverkehrsstraßen begrenzt, die Quartiere bleiben autofrei. Fußgänger und Radfahrer bekommen mehr Platz, die nächste Bushaltestelle ist nie weiter weg als 250 Meter, alle relevanten Geschäfte sind innerhalb weniger Minuten zu erreichen – ganz ohne Töff-Töff.
Eine gute Stadtplanung hilft dabei nicht nur dem Klimaschutz. Tempolimit, Parkraumbewirtschaftung, Radwege und Platz für Fußgänger reduzieren Lärm und Stress, schaffen Platz für Begegnung, Spiel, Spaß und Erholung und sie bringt uns doppelt näher an Netto-Null – bei Emissionen und bei Verkehrstoten.
Und das Geschäft?
Der Einzelhandel sieht Verkehrsberuhigung in der Regel besonders kritisch. Schon heute steht der Einzelhandel stark unter Druck vor allem wegen Konkurrenz durch Onlinehandel und Lieferservice. Wenn wir jetzt noch Autos fernhalten und den Kunden die Parkplätze wegnehmen, bricht der Umsatz dann völlig ein? Das erscheint naheliegend, doch es lohnt sich ein zweiter Blick. Es zeigt sich, Einzelhändler überschätzen die Rolle des Autos. Zwar tätigen Autofahrer die größeren Einkäufe – und bleiben den befragten Verkäufern daher besser im Gedächtnis – doch Kunden kommen seltener mit dem Auto, als angenommen. Tatsächlich kaufen Radfahrer und Fußgänger zwar kleinere Mengen, shoppen dafür aber häufiger und bringen 91% des Umsatzes, vor allem dann, wenn die Aufenthaltsqualität in der Straße gesteigert wird und man wieder gerne durch die Straßen schlendert. Bedenke: Jeder PKW-Parkplatz, bietet Raum für acht Fahrräder und damit acht zahlende Kunden.
Zugegeben, die Auswirkungen von Verkehrsberuhigung hängen auch von der Branche ab. Ein Mitnahmemarkt für Waschmaschinen in der Fußgängerzone wird wenig Laufkundschaft anziehen, falls man nicht kreativ wird (KI-Bild).

Dennoch birgt eine gute Verkehrswende große Chancen. Die Konkurrenz durch Onlinehandel schwindet nicht. Vorteile kann der Einzelhandel dort ausspielen, wo sich Einkaufen mit Wohlfühlen, Erlebnis und Begegnung verbindet. Jede:r Verkäufer:in weiß, Kunden geben dort Geld aus, wo sie sich wohlfühlen und sich gerne aufhalten. Dafür braucht man keine Blechlawine vor der Haustür. Ist Dir schon aufgefallen: Selbst Autoverkäufer führen ihre Verkaufsgespräche nie auf der Straße und die Verkaufsbüros sind so schallgedämmt, dass man nie ein Auto hört. Oder mit den Worten von Janette Sadik-Khan: „Cars don’t shop. People do.“ Am liebsten mit einer schönen Tasse Kaffee – gemütlich im Sitzen mit Zeit für ein nettes Gespräch. Das geht wieder besser in der Stadt, seit dort die Autos leise und bescheiden sind.
Quellen
- Verkehrsberuhigung und der Einzelhandel (difu, PDF)
- Einzelhandel – Parkplatz vor dem Geschäft reduziert den Mietwert
- Local Business Perception vs. Mobility Behavior of Shoppers: A Survey from Berlin
Beispiele
- Klimaschutz-bewegt.de, das Baden-Württemberg Portal für Verkehrswende und Innenstadt
- Good Practice Beispiele aus Baden-Württemberg (PDF)
- Lange Rötterstraße Mannheim
- Mariahilfer Straße Wien
- Barcelona Superblocks

Ja, das stimmt. Ein 5-streifiger Ausbau der A5 behandelt nur die Symptome, nicht die Ursachen. Und der Tankrabatt führt sicher nicht zum Umdenken, zumal die Fahrtkosten an der Steuer abgesetzt werden können…
Warum fahren die Leute trotzdem so viel / steigen nicht um?
Es ist bequem Zuhause einzusteigen (trocken & warm), der ÖPNV ist schmutzig, unzuverlässig, langsam und außerhalb der Ballungsräume schwach ausgebaut. Für viele ältere Menschen sind 500 m zur Bushaltestelle schon zu weit.
Wer es sich leisten kann, der fährt mit dem Auto. Dagegen braucht es gleichwertige Alternativen, dann klappt es auch mit dem Umstieg. P.S. Die Fußgängerzone in der Stadt ist für meine Mutter praktisch nicht mehr zu erreichen – Parkplätze sind zu weit weg, der ÖPNV zu weit von der Haustür.