
Wenn ich beim Hämmern meinen Daumen treffe, dann tut es sofort weh und der Daumen wird blau. Wenn ich auf die heiße Herdplatte packe, dann tut es sofort weh und kurz danach gibt es Blasen. Beides ist tausendfach erprobt. So lernt man dazu und aus Schaden wird man klug.
Doch Klimaforschung ist eine undankbare Wissenschaft. Unsere Emissionen tun nicht sofort weh und weder bilden sich unmittelbar Blasen auf der Haut, noch werden Daumen blau. Klimawandel ist subtiler, langfristig und abstrakt und Wetterschwankungen überlagern langfristige Trends. Er spielt mehr in der Kategorie Rauchen. Wenn Du heute rauchst, merkst du die Folgen erst in Jahren. Nicht jeder Husten kommt direkt vom Rauchen und wenn die Folgen erst mal sichtbar sind, ist der Schaden irreversibel – für Kinder- und Erwachsenenbildung ein schwieriges Feld.
Zwar sieht man den Klimawandel heute schon überall, doch der größte Teil liegt noch vor uns und die schwierigsten Auswirkungen kriegen unsere Kinder und Enkel ab. Um diese langfristigen Auswirkungen genauer zu verstehen, modelliert Klimaforschung weltweit verschiedene Szenarien. Die schauen wir genauer an.
RCP
Welche Klimawirkung entsteht, wenn wir in den nächsten Jahren/Jahrzehnten soundso viel CO2 ausstoßen und soundso viel Wälder abholzen? Solche Szenarien berechnet die Klimaforschung in Szenarien. Die bekanntesten davon sind die RCP-Szenarien. Das steht für Representative Concentration Pathways und fokussiert sich auf erwartete Treibhausgasemissionen pro Jahr. Basierend auf diesen Concentration Pathways berechnen Simulationen dann die erwarteten Auswirkungen, meistens bis zum Jahr 2100. International unterscheidet man die Varianten RCP2.6, RCP4.5, RCP6.0 und RCP8.5.
Strahlungsantrieb
Die Zahlen sind dabei keine Versionsnummern. Höher bedeutet also nicht besser, sondern das Gegenteil ist der Fall. Die Zahl bezeichnet den Strahlungsantrieb im Jahr 2100 in Watt pro Quadratmeter (W/m²). Klingt kompliziert? Vereinfacht heißt die Zahl: Wenn unsere Emissionen bleiben, wie im Szenario RCP2.6 beschrieben, dann wird im Jahr 2100 die Erde zusätzlich 2,6 Watt an Wärme aufnehmen – auf jedem Quadratmeter rund um die Uhr. Klingt wenig? Hochgerechnet auf Deutschland sind das 8.144 TWh pro Jahr, das dreieinhalbfache unseres aktuellen Endenergieverbrauchs als zusätzliche Wärme in Deutschland jedes Jahr. RCP2.6 entspricht bereits einer Erderwärmung von etwa +1,8°. Die anderen Szenarien werden noch heißer. Wir kommen gleich darauf zurück.
SSP
Strahlungsantrieb und die resultierende Temperaturen sind eine Sache. Gleichzeitig gibt es Varianten, wie wir als Menschen damit umgehen. Dies wird abgebildet in den Shared Socioeconomic Pathways kurz SSP. Diese beschreiben fünf unterschiedliche gesellschaftliche Wege.
- SSP1 → Die nachhaltige Welt, in der nachhaltiges Verhalten und Wirtschaften anerkannte und priorisierte Prinzipien sind.
- SSP2 → Eine mittlere sozioökonomische Entwicklung etwa so wie heute, nur ohne AfD.
- SSP3 → Eine fragmentierte Krisenwelt, in der Protektionismus, Nationalismus und regionale Konflikte zunehmen.
- SSP4 → Eine Welt der Ungleichheiten, in der Regionen allein gelassen werden trotz ungleicher Ressourcen und Möglichkeiten.
- SSP5 → Eine Welt fossiler Politik und fossilen Wachstums wie Kampforangen sie sich ausspinnen.
SSP Szenarien lassen die Auswirkungen der Klimakrise präziser einordnen. Dauerhafte Ernteausfälle im Äquatorbereich sind schlimm genug. Wie viele Menschen dadurch sterben, hängt davon ab, ob wir uns in einer SSP1 Welt gegenseitig helfen oder in einem SSP4-Szenario jedes Land sich selbst überlassen. Während Covid konnten wir Erfahrungen sammeln, welches der Modelle realistisch erscheint.
AR6
Die SSP-Modelle werden jetzt kombiniert mit dem Strahlungsantrieb aus den RCP Szenarien. So lassen sich Emissionspfade und deren Auswirkungen auf unsere Gesellschaft kombiniert betrachten. Der IPCC Report Assessment Report AR6 von 2023 beschreibt fünf Varianten:
- SSP1-1.9
Kooperation und entschlossenes nachhaltiges Handeln mit starkem Emissionsrückgang ab 2020, Netto-Null ab 2055 und dann negative Emissionen durch Carbon Capture. → Erderwärmung mindestens 1,0° erwartet 1,4° vielleicht 1,8°. - SSP1-2.6
Verhalten nachhaltiges Handeln und Emissionen stagnieren bis spätestens 2025 bei 40 Gigatonnen/Jahr, danach linearer Rückgang, klimaneutral ab 2075, anschließend negative Emissionen. → Erderwärmung mindestens 1,3° erwartet 1,8° vielleicht 2,4°. - SSP2-4.5
Mit Klimapolitik als Nebensache steigen die Emissionen bis 2040, danach Rückgang, Klimaneutralität erst nach 2100. → Erderwärmung mindestens 2,1° erwartet 2,7° vielleicht 3,5°. - SSP3-7.0
Krisen verdrängen Klimapolitik und die Emissionen steigen kontinuierlich weiter auf 82 Gigatonnen/Jahr. → Erderwärmung mindestens 2,8° erwartet 3,6° vielleicht 4,6°.
- SSP5-8.5
Männer, die die Welt verbrennen – starker Anstieg der Emissionen bis auf 130 Gigatonnen/Jahr. → Erderwärmung mindestens 3,3° erwartet 4,4° vielleicht 5,7°.
Warum so viele Temperaturangaben?
Alle Modelle enthalten eine Wahrscheinlichkeitsverteilung (Die älteren erinnern sich an die Glockenkurve auf dem 10 D-Mark Schein).
Im Beispiel SSP1-2.6 liegt die Erderwärmung im Jahr 2100
- zu 90% zwischen 1,3° und 2,4°.
- Mit einem Risiko von 50% verfehlen wir die 1,8° und
- mit einem Restrisiko von 5% landen wir sogar über 2,4°.
Setzt Du dein Leben gerne auf einen Münzwurf? Dann nimm die mittlere Zahl. Wer mehr Sicherheit wünscht, nimmt die oberen Werte. Selbst diese haben nur eine Erfolgschance von 95%, aber immerhin besser als fifty-fifty.
Zur Erinnerung: 2,4° ist außerhalb der Grenzen des Pariser Klimaabkommens und reißt voraussichtlich sechs Klimakipppunkte, darunter die Korallenriffe, Gletscher, Grönlandeis sowie Arktis und Antarktis, eventuell auch schon den Amazonas Regenwald. Diese setzen Kettenreaktionen in Gang, die über Jahrhunderte nachwirken und das Klima weiter anheizen.
Selbst Tollkirschen essen macht da mehr Spaß. Vor Dir liegen 20 Tollkirschen, eine davon sollst Du runterschlucken. Ach ja, und in mindestens einer dieser Tollkirschen stecken spitze Glassplitter. Die merkst du aber erst nach dem Runterschlucken. Spielst Du mit? Oder stehst Du lieber auf, verlässt deine Komfortzone und wechselst an den Nachbartisch? Dort gibt es frische regionale Erdbeeren, Balkonkraftwerke, Wärmepumpen, E-Bikes und guten ÖPNV – alles Beiträge für eine erfolgreiche Energiewende, um unter 1,8° zu bleiben.
Wo stehen wir?
In den letzten Jahren sind unsere Emissionen weiter gestiegen. Aktuell liegen wir bei 43 Gigatonnen (inkl. land use change). SSP1-1.9 haben wir damit verpasst und auch SSP1-2.6 ist weit weg. Aktuell liegen wir irgendwo vor SSP2-4.5 und steuern auf etwa 2,6° zu.
Die gute Nachricht: Die Energiewende nimmt weltweit Fahrt auf. Im Jahr 2025 sind die fossilen Emissionen erstmals zurückgegangen. Wenn wir die Energiewende beschleunigen und Abholzung jetzt stoppen, dann können wir einige dieser Kipppunkte noch aufhalten.
Noch eine gute Nachricht: Erneuerbare Energien wachsen schneller als jede andere Energiequelle je zuvor. In den vergangenen Jahren haben wir so 206 Gigatonnen Emissionen eingespart. Das schlimmste Szenario SSP5-8.5 gilt heute als sehr unwahrscheinlich! Den Worst-Case haben wir überwunden, weil wir gehandelt haben. Zwei weitere gilt es noch zu besiegen. Die Technik dafür haben wir. Wind, PV und Batteriespeicher liefern Erneuerbare Energien, sparen Geld; und einen langfristig bewohnbaren Planeten bekommen wir gratis mit dazu. Das klingt für mich nach einem fairen Deal, allemal besser als Tollkirschen und Glassplitter.
Nachtrag
- Abschied vom Worst Case ist keine Entwarnung (heise.de)
- Faktencheck: Forscher bestätigen, dass Klimaschutz wirkt. (Volksverpetzer.de
- Vor RCP gab es 1992 die IS92-Szenarien, gefolgt von SRES in den Jahren 2001 bis etwa 2007.
