
Guten Sonntag und schön, dass Du da bist. Bevor wir ins heutige Thema einsteigen, eine Info vorweg:
Am Dienstag, 15.09. um 17:00 Uhr bin ich im Radio Klimanetz und darf dort mit Norman Thelen und Michael Seyfried über Klima, Dialoge und andere schöne Dinge sprechen.

Save the Date und schalte rechtzeitig ein. Doch zunächst…
Hand und Fuß
Wenn viele Menschen viele kleine Dinge tun, können große Dinge geschehen. Dieses Mantra ist allgemein bekannt, einleuchtend und Motivation für viele gute Taten. Es erinnert an die Geschichte von dem Kind morgens am Meeresstrand.
Über Nacht hatten die Wellen unzählige Seesternen angespült. Diese lagen jetzt hilflos am Strand und vertrockneten. Das Kind hob einen Seestern vorsichtig auf und setzte ihn sanft zurück ins Meer.
Ein Mann ging vorbei und fragte das Kind: „Siehst Du, wie viele Seesterne das sind? Die kannst Du nicht alle retten. Was nützt es, wenn Du einen davon ins Meer setzt?“
Das Kind antwortete: „Für diesen einen bedeutet es sein Leben“, und hob den nächsten Seestern auf.
Viele Menschen, die viele kleine Dinge tun, können Großes bewirken. Klimaschutz ist Teamsport. Dein Essen, das Auto, deine Kleidung, Konsum und Urlaube, alle erzeugen Treibhausgase. Die Summe dieser Emissionen sind dein persönlicher CO2-Fußabdruck. Durch nachhaltiges Verhalten kannst Du CO2 einsparen. Weniger Fleisch, weniger Fliegen, ein kleineres Auto oder noch besser mehr ÖPNV. Jeder Schritt spart CO2. Je mehr dabei mitmachen und ihren Fußabdruck verkleinern, umso schneller retten wir das Klima. Oder etwa nicht?
Die Geschichte vom CO2-Fußabdruck ist zwanzig Jahre alt. Bekannt wurde das Konzept durch eine großen Werbekampagne im Jahr 2004 mit klarem Ziel. Mehr und mehr Menschen sollten ihre Verantwortung erkennen und sich für nachhaltigen Konsum und einen klimafreundlichen Alltag entscheiden. Die treibende Kraft dahinter war ebenso entschlossen wie finanzstark. Der CO2-Fußabdruck ist eine Marketing-Kampagne vom Ölkonzern BP.

(Quelle bp 2019 auf twitter)
Die Strategie ist ebenso einfach wie perfide. „Know your carbon footprint“ suggeriert eine Verantwortung und eine Schuld des Einzelnen. Statt global eine nachhaltige Energieversorgung aufzubauen, zündet man Nebelkerzen, schiebt die Verantwortung auf die Bürger ab und säht Zwist und Spaltung in der Gesellschaft, statt mit aller Kraft Erneuerbare Energien auszubauen. Denn während sich klimabewusste Gutmenschen gegenseitig vorrechnen, was sie alles für die Umwelt tun und wie viel CO2 sie einsparen, indem sie Zucchini im Blumentopf züchten und ihre Wäsche mit der Hand waschen, fördert BP weiter Öl und streicht Jahr für Jahr Milliardengewinne ein.
Die Mär vom CO2-Fußabdruck ist der vermutlich größte und erfolgreichste Strohmann, einer fossilen Industrie mit ihrem tödlichen Geschäftsmodell. Teil der Strohmann-Kampagne war ein interaktiver CO2-Rechner, der jedem Bürger zeigte, wie böse doch sein Lebensstil ist.
Bis heute bieten zahlreiche Webseiten Rechner für den eigenen CO2-Fußabdruck und alle verschleiern das systemische Problem. Denn niemand kann heute in Deutschland klimaneutral leben. Wo kann ich ein Fahrrad kaufen, das klimaneutral hergestellt wurde? Soll ich meine Kleidung selber nähen und wenn ja, woher bekäme ich klimaneutral produzierten Stoff? Wie viel Emissionen stecken in meinem Vollkornbrot? Selbst bei bestmöglichem Annahmen verursacht jeder Mensch in Deutschland CO2-Emissionen von vier Tonnen pro Jahr, klimaverträglich wäre eine Tonne. Diesen Wert erreichen wir durch keine Selbstgeißelung.
Natürlich ist es gut und richtig, die eigenen Emissionen zu reduzieren. Wer mehrfach im Jahr nach Mallorca fliegt und täglich BigMac oder DoppelWhopper mit Milkshake frühstückt, sollte sein Konsumverhalten dringend überdenken – nicht nur wegen des Klimas (ja, der Genitiv ist immer noch erlaubt). Doch selbst als barfüßiger, baumstreichelnder, linksgrüner Klimaversteher mit Holzzahnbürste und Jutekleid lebt man in Deutschland nicht klimaneutral.
Erst Erneuerbare Energien sowie ein Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen und in nachhaltigen Kreisläufen bringen uns zur Klimaneutralität. Dafür braucht es Änderungen in Industrie, Banken und Versicherungen vom Mittelstand bis zum Großkonzern. Ganz besonders bei ganz bestimmten Großkonzernen. Die Hälfte aller Emissionen weltweit kommen von nur 36 Konzernen. 36 Firmen verursachen die Hälfte des Klimawandels allein.

Dringender als das eigene Verhalten ist die Veränderung im Gesamtsystem. ÖPNV muss nicht nur zuverlässig funktionieren, sondern auch günstiger werden als das eigene Auto vor der Tür. Argentinisches Rindfleisch muss teurer sein als regional angebautes Gemüse und warum Hafer höher besteuert wird als ultrahocherhitztes Eutersekret, ist selbst für Steuerberater unlogisch. Zugfahrten müssen bequemer und preiswerter werden als Kurzstreckenflüge und Kerosin ist mindestens so hoch zu besteuern wie Strom. Dafür braucht es klare politische Rahmenbedingungen und Politiker mit Verstand, Mut und Rückgrat. Doch drei Wünsche auf einmal? Das geht nun wirklich nicht.
Die eigenen Klimaentscheidungen sind wichtig und notwendig. Doch Du musst nicht perfekt sein, Du bist gut genug. Viel besser wird es, wenn Du andere mitnimmst privat und auch in der Politik. Du hast eine Stimme – nutze Sie und lass Dich hören. Darum ergänze deinen nachhaltigen Fußabdruck um einen großen Handabdruck. Sprich mit Freunden, Bekannten, Kollegen. Schreib deine Politiker an, rede mit deinem Chef. Sie alle können mitmachen und durch ihre Entscheidungen Klimaschutz voranbringen. Sehr schön beschreibt dies my-friday.de:
Wenn du dich klimafreundlich verhältst, reduzierst du deinen CO2-Fußabdruck (du tust weniger Schlechtes). Wenn du andere Menschen motivierst oder in die Lage versetzt, sich ebenfalls klimafreundlich zu verhalten, erhöhst du deinen ökologischen Handabdruck (du tust Gutes). Je mehr Menschen deine Maßnahmen erreichen, und je nachhaltiger sich das System dadurch verändert, umso größer der Handabdruck.
(my-friday.de 👈 sehr lesenswert)
Klimaschutz ist Teamsport für alle Menschen. Schreib heute deinen ersten Brief an deine Abgeordnete in Bund, Land, Kreis, Kommune und/oder an deine Bürgermeisterin. Dabei hilft der my-friday Briefbaukasten. So wächst dein Handabdruck und es dauert nicht länger als eine zweite Tasse Kaffee. Denn guter Klimaschutz braucht Hand und Fuß. Bist Du dabei?
Quellen
- Klimaschutz braucht Hand und Fuß.
- Wie der CO2-Fußabdruck die Klima-Realität verschleiert (ardalpha.de)
- The carbon footprint sham
Abgrenzung
Der CO2-Fußabdruck ist ungleich ökologische Fußabdruck. Nicht verwechseln. Auf Wunsch schreibe ich darüber auch einen Text.
