
Wenn wir über Klimawandel sprechen, müssen wir auch auf Landwirtschaft schauen. Die Landwirtschaft hat einen erheblichen Anteil am menschengemachten Klimawandel. Knapp 9% der deutschen Emissionen entstehen in der Landwirtschaft. Weltweit sind es deutlich mehr. Aber Landwirtschaft nutzt doch nur die natürlichen Kreisläufe von Photosynthese, Pflanzenwachstum, Kompostierung, oder? Wie kann das ein Problem sein?
Mit natürlichen Kreisläufen hat Landwirtschaft heute zu wenig zu tun. Seit 1909 wird Stickstoffdünger künstlich hergestellt mit fossilem Öl, Kohle oder Gas. Industrielle Pestizide gibt es seit den 1940ern, damals mit DDT. Ab den 1950ern setzten Betriebe zunehmend auf gezielte Züchtungen und Konzentration auf wenige Produkte. Die resultierenden kilometerlangen Monokulturen haben mit echter Natur so viel zu tun, wie Tablets und Smartwatches mit Kindererziehung – passt nicht gut zusammen, und das Ergebnis bleibt eher fad.
Gleichzeitig soll Landwirtschaft 8,2 Mrd. Menschen mit Nahrung versorgen. Nur mit Beeren pflücken und Pilze sammeln in naturbelassenen Wäldern würde das nicht klappen. Umgekehrt wird Mensch ohne naturbelassene Wälder und Meere auf Dauer nicht überleben.
Biodiversität
Wer bisher dachte, der Klimawandel ist unser größtes Problem, wird leider enttäuscht. Neben Erderwärmung und Extremwettern, erleben wir derzeit einen noch größeren Umbruch.
In der Erdgeschichte gab es bisher fünf große Massenaussterben (mass extinction). Die letzte Katastrophe war vor 66 Millionen Jahren als ein Asteroid die Erde traf und in der Folge ca. 60% aller Arten von der Erde tilgte, darunter die Dinosaurier.
Das sechste Artensterben läuft heute, während Du diese Zeilen liest. Ursache diesmal: Der Mensch. Wir machen uns zu breit auf diesem Planeten. Der Mensch ist eine invasive Art, der nicht nur alle Länder überrennt, sondern auch die Ozeane leer fischt, sowie Ruß und Plastik verteilt von der Arktis bis in den Mariannengraben. Natürliche Fressfeinde hat der Mensch nicht – außer sich selbst, und die anderen Tiere bleiben auf der Strecke. Seit 1970 hat sich die Zahl der wildlebenden Wirbeltiere halbiert.
(Quelle Wikipedia)
Jedes Jahr sterben mehr als 130.000 Tier- und Pflanzenarten aus. Weg, wie die Dinosaurier. Extinct – gone forever.
Seit Jahren gibt es bei weitem mehr Zuchttiere und Menschen als wildlebende Säugetiere. Wildlebende Säugetiere gibt es gegenüber Mensch und Viehzucht gerade mal 5,6%. Gerechnet wird das nicht in Stück, sondern in Gewicht, und da sind Waale und Elefanten schon mit drin.
(Quelle Scinexx.de)
Wälder
Nicht viel Platz für Natur. Große Teile der natürlichen Wälder wurden von Menschen abgeholzt und durch Plantagen, Straßen oder Städte ersetzt. Denkst Du jetzt an Regenwald in Afrika und Südamerika? Auch Europa war über Jahrtausende von wilden Wäldern bedeckt. Seit dem Mittelalter haben wir diese abgeholzt.
(Quelle WWF)
Immerhin, in Europa wird der Wald seit einigen Jahrzehnten langsam wieder aufgeforstet, sehr langsam. Auch ist nicht immer ganz klar, was genau eine Waldfläche ist. Fundstück:
„Selbst wenn eine Fläche als Waldland gewidmet ist, müssen darauf nicht unbedingt Bäume stehen: Auch wenn sie gefällt sind, gilt das Gebiet noch als Wald.“ (Zeit.de)
Während Europa langsam wieder aufforstet, schreitet die Abholzung in Südamerika und Afrika weiter voran


Insekten
Wer schon etwas älter ist, erinnert sich, alle anderen fragen ihre Oma: Wenn ihr früher mit dem Auto in den Urlaub gefahren seid, wie sahen die Windschutzscheiben am Zielort aus? Wie ist das heute? Unsere Insektenpopulation geht dramatisch zurück. 45% der wirbellosen Arten gelten als extrem selten oder schon ausgestorben.
Jetzt ernährt sich nicht jeder von Mehlwürmern und Heuschrecken und denkt daher vielleicht, was soll’s. Dann googelt nochmal kurz die Geschichte von den Bienchen und den Blumen. Forscher und Schüler entwickeln mittlerweile Drohnen, die unsere Pflanzen bestäuben, wenn Bienen und Insekten ausgestorben sind. Natürliche Landwirtschaft?
Unsere Nahrungskette ist in Wirklichkeit ein stark verflochtenes Netz mit essentiellen Abhängigkeiten. Insektenschwund, Korallenbleiche und Artensterben reißen immer größere Löcher in dieses Netz während die EU Glyphosat weiter erlaubt.
Die gute Nachricht ist, wir können anders handeln. Wir haben das Know-How und die Möglichkeiten, die Natur zu schonen und uns innerhalb der planetaren Grenzen gesund und nachhaltig zu ernähren. So hat die EU auch das Europäische Renaturierungsgesetz beschlossen. 30% der Landfläche sollen renaturiert werden. Auch international sollen 30% der Meeres- und Landflächen ebenfalls unter Naturschutz gestellt werden. Die vereinten Nationen einigten sich jüngst auf jährlich 200 Mrd US-Dollar für die Erhaltung der biologischen Vielfalt und Abbau von 500 Mrd. Dollar an naturschädlichen Subventionen. Wenn wir es jetzt noch schaffen, dass wir uns an unsere eigenen Gesetze halten, ist damit schon mal ein guter Schritt getan. Wobei mir zwischendurch noch einer erklären muss, warum wir überhaupt naturschädliche Subventionen in solcher Höhe aufgebaut haben.
Es bleibt noch viel zu tun. Was genau, das schreibe ich nach einer schönen Tasse Kaffee, hoffentlich aus fair-trade und biologischem Anbau und mit Segelbooten übers Meer transportiert?