Stromschwemme

Letzte Woche ging es um Dunkelflauten mit wenig Strom.  Mindestens ebenso heftig wird eine andere Situation diskutiert, die eine noch einfachere Lösung hat.

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien kommt endlich voran. Mehr als 60% unseres Stroms wurden dieses Jahr schon aus Erneuerbaren geliefert. Immer öfter liefern Wind & Solar heute Stromüberschüsse. Was jetzt, erst haben wir zu wenig Strom, jetzt auf einmal wieder zu viel? Schon haben Kritiker ein neues Wort geschaffen. Nach der Dunkelflaute jammern sie jetzt von der Hellbrise. O tempora, o mores… Was, wenn es zu viel Strom wird? Springen uns Funken aus jeder Steckdose entgegen und grillen die Hauskatze? Wohl kaum. Dennoch wäre zu viel Strom tatsächlich ein Problem für unser Stromnetz. Überspannung, Frequenzerhöhung und Notabschaltungen wären die Folge. Das wollen wir nicht.

Spoiler: Stromüberschuss ist ein normaler Teil der Energiewende. Schließlich wollen wir genug PV aufbauen, um unseren Strombedarf auch im März/April/Mai damit zu decken, denn PV-Module sind unerreicht günstig. So sparen wir viel Geld und müssen nicht länger 80 Mrd € jedes Jahr an überreiche Ölscheichs oder Gasdespoten zahlen. Wenn wir aber im April genug PV-Strom haben, sind große PV-Überschüsse im Juni/Juli/August die logische Konsequenz. Das gleiche gilt für Windkraft. Auch bei mittleren Windstärken wollen wir unseren Strombedarf decken. Die Folge ist Stromüberschuss bei allen Herbststürmen.  Was machen wir damit?

Zunächst wollen wir Überschüsse bestmöglich nutzen. Wäsche waschen, kochen, Warmwasser mit der Wärmepumpe heizen, Auto und Speicher laden und vieles mehr gibt es bei Sonnenschein quasi zum Nulltarif. Auch Gewerbe, Industrie und Handwerk können ihren Verbrauch flexibilisieren und bei Überschüssen hochfahren. So wie sie bei seltenen Dunkelflauten ihren Verbrauch drosseln, können sie ihn bei Hellbrisen steigern. Batterie- und Wärmespeicher werden aufgeladen, Kühlhäuser werden verstärkt gekühlt, Stahlschmelzen arbeiten jetzt besonders günstig, Trocknungsanlagen können auf Hochtouren laufen und grünen Wasserstoff produziert man während Hellbrisen ohne Zusatzkosten.

Doch auch diese Flexibilität hat Grenzen. Auch im Hochsommer ist die Anzahl meiner Waschmaschinen begrenzt, außerdem will man bei schönem Wetter nicht immer Wäsche waschen.  Was passiert also, wenn alle Unterhosen sauber sind und Windrad oder PV-Anlage weiter erbarmungslos Strom ins stöhnende und ächzende Netz pumpen?  Überraschung: Erneuerbare Energien kann man abschalten. Windräder lassen sich jederzeit aus dem Wind drehen und PV-Anlagen drosseln oder ganz ausschalten.  Auch zukünftig wird daher niemand gezwungen, mit allen Maschinen unter Volllast und Dauerbetrieb den überquellenden Strom aus einem jammernden Stromnetz abzusaugen. Anders als Kohle- oder Atomkraftwerke lassen sich Windkraft und PV jederzeit ein- und ausschalten ohne technische Kosten.

Das gilt zumindest theoretisch. In der Praxis haben kleinere private PV-Anlagen nicht alle einen Ausschalter verbaut und wenn doch, kann der Netzbetreiber diesen nicht automatisch ansteuern. Bisher ist das nicht relevant, weil es genügend andere regelbare Anlagen gibt. Sollten private PV-Anlagen jedoch überhand nehmen – und für eine schnelle Energiewende wollen wir das hoffen – müssen wir ggf. eine Fernabschaltung, zumindest aber eine Drosselung der Netzeinspeisung durch den Netzbetreiber nachrüsten. Technisch ist das eine überschaubare Aufgabe.  Ähnliche Regelungen gibt es bereits in die andere Richtung. Neue Wallboxen, Wärmepumpen und andere Verbraucher über 4kW Leistung sind so ausgeführt, dass Netzbetreiber sie bei Bedarf drosseln können.

Technisch ist die Hellbrise eine leichte Übung. Schwieriger ist die finanzielle Seite. Bestehende PV- und Windkraftanlagen haben eine feste Einspeisevergütung/Marktprämie. Diese greift auch dann, wenn die Anlagen wegen Netzengpässen abgeregelt werden. Entsprechend kann ein Überangebot schnell zum Kostenfaktor werden.  Zukünftig wird es hier andere Vergütungsmodelle brauchen. Gleichzeitig werden die Anlagen für Investoren schlechter kalkulierbar, was den dringend notwendigen Ausbau bremsen kann.

Hier braucht es mehr Anreize für flexible Stromabnahme, z.B. dynamische Strompreise. Bisher ist beim Strompreis höchstens der Arbeitspreis dynamisch. Netzentgelte, Steuern und Abgaben bleiben fix. Für große Stromabnehmer gibt es sogar günstigere Netzentgelte, wenn sie ihren Strom möglichst konstant und unflexibel abnehmen, ein Relikt aus fossilen Zeiten.  Dabei kann Flexibilisierung auch dem Netzbetreiber nützen, um Lastspitzen zu glätten. Wobei es je nach Lastprofil auch gegenteilige Effekte geben kann.

Im Detail müssen dabei einige Aspekte ausbalanciert werden. Technisch lassen sich diese Punkte leicht lösen und die Energiewende könnte schneller gehen. Technisch sind alle Lösungen schon vorhanden. Wenn wir die Energiewende dennoch verzögern, werden unsere Kinder uns schon bald die Fragen stellen: Warum habt ihr nicht gehandelt, damals als noch Zeit war? Was wirst Du dann antworten, liebe Energieministerin?

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1 Kommentar zu „Stromschwemme

  1. Man muss die Energieministeri. Auch immer wieder darauf hinweisen, ihre Entscheidungen für die nächsten tausend Jahre wirken und nichts rückgängig gemacht werden kann. es wird heiß bleiben…

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