Primärenergie

Fast 60% unseres Strombedarfs letztes Jahr wurden von Erneuerbaren Energien gedeckt. Das ist gut und viele andere Länder zeigen bereits, da geht noch mehr. Im Internationalen Vergleich liegen wir auf Rang 56 und auch in Europa sind  die skandinavischen Länder, Österreich, Littauen, Spanien und Portugal weiter als wir. Gleichzeitig meckern Gegner der Energiewende häufig. Der Strombedarf sei nur ein kleiner Teil, unser Primärenergiebedarf wäre viel größer und der Weg noch so weit und überhaupt geht nicht, kann nicht, will nicht, räbäääh…

Auch Katharina Reiche wendet diesen populistischen Trick an – oder fällt darauf herein, je nach Kompetenz. In ihrem aktuellen Gastbeitrag bei der FAZ behauptet Katharina Reiche, die Erneuerbaren deckten gerade mal ein Fünftel unseres Energiebedarfs. Diese Information hat sie bewusst oder unbewusst – verzerrt und aus dem Kontext gerissen.  Wir schauen genauer hin.

In der Tat ist Strom nur ein Teil unserer Aufgabe. Noch fahren Öltimer auf unseren Straßen, die Benzin oder Diesel verbrennen. Heizungen laufen oft noch mit Gas oder Öl und auch die Industrie braucht neben Strom auch Wärme, Kälte und mehr. Spricht jemand vom Energiebedarf, muss man auch erklären, welche Energie gemeint ist.

Primärenergie

Ist die Energie, die in unseren fossilen Brennstoffen gespeichert ist. Jetzt könnte man meinen, Primärenergie wäre besonders wichtig, schließlich heißt sie so. Das Gegenteil ist der Fall. Denn Primärenergie ist für sich völlig nutzlos. Schließlich stellt sich niemand Rohöl, Kohle oder eine Karaffe Erdgas in den Schrank, um sie dort jeden Tag anzuschauen. Außer natürlich sehr bald im Museum, wo wir unseren Enkeln dann andachtsvoll erklären, aus diesen Dreckklumpen hätten wir früher unseren Strom erzeugt. Dann werden die Enkel uns auslachen und sagen: „Klar doch, Opa, und erzähl auch nochmal die  irre Geschichte, wie Du früher angeblich Wissen aus bedruckten Baumresten gestreamt hast.“

Sekundärenergie

Wandelt man Primärenergie in eine verwendbare Form, so entsteht die Sekundärenergie. Dies ist zum Beispiel der Strom, den der Generator eines Kohlekraftwerks erzeugt. Bei dieser Umwandlung geht bereits ein großer Teil der Energie als Abwärme verloren, denn Kohlekraftwerke sind  ineffizient.  Teilweise wird die Abwärme in Fernwärmenetze eingespeist und wird so ebenfalls zu Sekundärenergie, doch auch dies ist verlustbehaftet.

Endenergie

Als Anwender interessieren mich diese Details nicht. Ich will Strom aus meiner Steckdose. Auf dem Weg dahin geht wieder Energie verloren. Einen Teil des Stroms verbrauchen die Kraftwerke selber, weitere Verluste entstehen in Trafos, Stromleitungen, Wechselrichtern u.v.m. Der verbleibende Teil kommt am Ende aus meiner Steckdose und heißt entsprechend Endenergie. Produziere ich meinen Strom auf dem eigenen Dach, fallen die Verluste geringer aus, als wenn ich einen Skilift in Garmisch-Patenkirchen mit Windstrom aus der Nordsee betreibe.

Nutzenergie

Wenn ich dann eine Lampe mit dieser Endenergie betreibe oder einen Herd, dann tut die Energie endlich etwas Nützliches und heißt dann folgerichtig Nutzenergie.

Brutto und Netto

Kraftwerke produzieren Strom und einen Teil davon verbrauchen sie selber. Dieser Eigenverbrauch wird nie die unendlichen Weiten des Stromnetzes erleben sondern in dunklen Ecken des Kraftwerks versickern. Es sei denn es ist der Strom für die Beleuchtung, dann sind die Ecken natürlich hell. Ich schweife ab.  Was das Kraftwerk produziert ist die Bruttoenergie, der Teil, der ins Netz gelangt, ist Netto.  Verbraucht man seinen eigenen PV-Strom, dann ist auch dies Bruttostrom. Nur der Teil, den man ins Netz einspeist, zählt zum Nettostrom.  Nutzenergie ist also ein Mix aus Netto und Brutto. Teilweise spricht man hier auch von Public und Total, z.B. bei den Energy Charts.

Beispiele

Ein Holzhaufen ist Primärenergie, nett anzuschauen, wirkt für sich alleine jedoch nicht sonderlich energetisch. Zündest Du das Holz an, wird es heiß. Das ist Sekundärenergie. Legst Du dann eine Folienkartoffel in die Glut, wird dieser Teil des Lagerfeuers zu Endenergie. Nur der kleine Teil der Hitze, der tatsächlich die Kartoffel gart, ist letztlich die Nutzenergie. All die Wärme, die in den Himmel aufsteigt ist die Abwärme bzw. Energieverlust. Isst Du die Kartoffel selber, ist die Nutzenergie Brutto, gibst Du die Kartoffel an jemand anderen weiter, ist es Nettoenergie. Nutzt man statt des offenen Lagerfeuers einen Kugelgrill, steigert sich der Wirkungsgrad und ein größerer Teil der Sekundärenergie wird zur Nutzenergie.   Letztlich ist der Blick auf die Primärenergie damit sekundär und primär interessiert uns nur die Nutzenergie.

Bei einem Öltimer ist das Rohöl die Primärenergie. In der Raffinerie wird daraus Benzin als Sekundärenergie. Hat man dieses Benzin über LKW und Tankstellen endlich im Auto, ist dies die Endenergie. Doch nur 30% dieser Endenergie werden tatsächlich in Bewegung und damit Nutzenergie umgewandelt. Der große Rest verpufft als Abwärme in die Umgebung.  Letztlich sind Öltimer daher keine Fahrzeuge, sondern mobile Heizungen.  E-Autos hingegen wandeln über 90% ihrer Endenergie, d.h. des Stroms im Akku, auch in Nutzenergie um. Doch auch diese stehen statistisch 23 Stunden nur rum und sind damit mehr Stehzeuge als Fahrzeuge. Deshalb auch die Idee vom Car-Sharing und autonomen Taxis.

Bei der fossilen Heizung sind das Öl bzw. Gas im Keller die Endenergie. Je nach Baujahr und Zustand wandelt die Heizung 80-98% davon in Nutzenergie um.  Eine Wärmepumpe nutzt Strom als Endenergie. Gleichzeitig nutzt sie die Umgebungswärme produziert damit aus einer Kilowattstunde Strom zwischen 3,5 und 5 Kilowattstunden an Wärme, a.k.a. Nutzenergie.

Zahlen

Was heißt das jetzt für unsere Energiewende? Wie weit sind wir schon gekommen? Im Jahr 2024 hatte Deutschland einen Primärenergieverbrauch von 10.542 Petajoule oder 2.928 Terrawattstunden. Der Endenergieverbrauch lag bei 2.249 TWh. Durch Elektrifizierung, Gebäudedämmung und weitere Effizienzgewinne, sinkt unser Energiebedarf. Gegenüber Öltimern sparen E-Autos etwa ⅔ der Energie. Wärmepumpen sparen 70-80% Energie. Elektrifizierung reduziert unseren Hunger nach Energie. Für das Zieljahr 2045 berechnet der Ariadne Report für Deutschland einen Endenergiebedarf von 1.519 TWh. Davon werden wir 360 TWh durch Energieimporte decken. Den Rest produzieren wir regional aus Erneuerbaren Energien. Im Jahr 2025 haben unsere Erneuerbaren 290 TWh Strom, 210 TWh Wärme und 37 TWh Biokraftstoffe produziert, insgesamt also 537 TWh.

Wieviel des Weges  haben wir damit geschafft?

  • 18% unserer heutigen Primärenergie
  • 24% unserer heutigen Endenergie
  • 38% unserer nötigen Energieproduktion im Jahr 2045
  • 42% unseres Strombedarfs im Jahr 2045 und
  • 46% unseres Endenergiebedarfs 2045

Wie weit man schon gekommen ist, hängt eben auch davon ab ob man das richtige Ziel vor Augen hat. Die Energiewende hat bereits viel erreicht und mit der richtigen Kompetenz in den Ministerien ginge es auch noch schneller. Zeit für einen Kaffee, gekocht mit Brutto-End-und-Nutzenergie vom eigenen Dach.

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