Kompensation

Immer mehr Firmen bewerben ihre Produkte als „klimaneutral“.  Wie geht das, wenn doch bei nahezu jedem Produktionsschritt noch Emissionen entstehen? Sind diese Produkte wirklich emissionsfrei?  In der Regel nicht. Die Bezeichnung klimaneutral erkaufen sich die Firmen durch CO2-Kompensation.

Viele Firmen reduzieren ihren CO2-Ausstoß und streben Netto-Null-Emissionen an. Die reale Umsetzung ist schwierig. Spätestens wenn die Mitarbeiter mit dem Flugzeug auf Geschäftsreise gehen oder Lieferketten über den Ozean führen sind echte Null-Emissionen heute unmöglich. Hier kommen Kompensation ins Spiel.

Ich will nicht, mach Du mal

Die Idee dahinter: Wenn meine Emissionen unvermeidlich sind, bezahle ich ein anderes Projekt, das meine Emissionen dann zusätzlich einspart. Besonders beliebt dabei sind Aufforstungsprojekte. Zusätzlich zum Flugticket bezahle ich die Aufforstung von Wäldern irgendwo auf der Welt. Diese Bäume binden dann das CO₂, das ich bei meinem Flug ausstoße. Für einen Flug nach Dubai kostet das gerade mal 66€, das Klima ist gerettet und alle sind glücklich, richtig?  Jedes Problem hat eine einfache, klare und falsche Lösung. Kompensationen sind ein trügerisches Spiel.

Drum prüfe, wer CO₂ entbindet…

Zunächst ist die Umsetzung schwer überprüfbar.  Wie kann ich sicher sein, das für mein Geld auch wirklich Bäume gepflanzt werden? Soll ich hinfliegen und selber nachschauen? Dafür gibt es eigene Prüfer, die die Projekte zertifizieren. Vermutlich indem sie selber hinfliegen und dafür Kompensation zahlen, die Bäume an anderer Stelle pflanzen, die dann geprüft werden von…

Wie seriös Kompensationsmaßnahmen und deren Zertifizierung arbeiten, lässt sich kaum beurteilen. Auch muss man hinschauen, was genau zertifiziert wird.  Werden tatsächlich neue Bäume gepflanzt? Was passiert mit den gepflanzten Bäumen? Wer garantiert, dass die Setzlinge auch anwachsen? Wie lange dürfen die Bäume ungestört wachsen, bevor sie abgeholzt und das CO₂ wieder freigesetzt wird? Wer stellt sicher, dass die Baumflächen nicht doppelt verrechnet werden?

Auch andere Klimaprojekte können durch Kompensation finanziert werden. Von effizienteren Kochstellen in afrikanischen Ländern über PV-Anlagen zu Umweltbildung bis hin zu CCS. Bei allen Projekten bleiben Fragen offen. Wie viel CO₂ spart Klimaunterricht tatsächlich ein? Wäre die Solaranlage auch ohne Kompensationsgeld gebaut worden? Umfangreiche Prüfungen und Standards sollen diese Fragen transparent beantworten. Zu den größten Zertifizierern gehört Verra mit ihrem Verified Carbon Standard.

Linke Tasche, rechte Tasche

Selbst bei optimalem Projektverlauf und seriöser Zertifizierung stößt das Konzept an systemische Grenzen. Wollten wir alle lästigen Emissionen durch Aufforstung kompensieren, gingen uns schnell die Landflächen aus. Erneuerbare Energien in afrikanischen Ländern bringen wenig, wenn wir dafür „zum Ausgleich“ öfter fliegen und mehr Kohle verbrennen (im mehrfachen Wortsinne).  Wir wissen heute schon, dass wir die 1,5° Grenze überschreiten und jede Emission führt unser Klima weiter in den chaotischen, unkontrollierbaren Bereich.  Das Geschacher: „Spar Du mehr ein, dann kann ich mehr verschwenden“ hätte vor zwanzig Jahren noch etwas gebracht. Heute ist unser Restbudgets weltweit verbraucht und wir brauchen global jede Maßnahme, die umsetzbar ist. Dazu gehören auch weniger Flugreisen und insbesondere keine Privatjets mehr.

CCS

Was ist mit CCS Carbon Capture & Storage? Ist dies nicht die ideale Kompensation? Die Emissionen, die ich verursache, holt ein anderer direkt wieder aus der Luft und speichert das böse CO₂ unter der Erde. Leider nein. Wir wissen schon, dass wir negative Emissionen brauchen, um unsere Klima überhaupt noch stabil halten zu können. Wir müssen unsere Emissionen stoppen und zusätzlich mit CCS und anderen Techniken CO₂ aus der Luft holen. Gleichzeitig gibt es nahezu unvermeidbare Prozessemissionen, z.B. bei der Zementproduktion. Was wir an Carbon Capture aufbauen können, brauchen wir nicht als Ausgleich, sondern zusätzlich.

Ablasshandel

CO₂-Kompensation sind ein moderner Ablasshandel. Pater, ich habe gesündigt. Ja, dann zahle Gulden in die Kirchenkasse und Dir sei vergeben. Für das persönliche Gewissen kann das helfen, darüber hinaus gehender Nutzen konnte bis heute nicht bewiesen werden.

CO₂-Kompensationen sind wie Autoraser. Ich fahre zwar immer zu schnell, doch so lange ich meine Knöllchen zahle, ist doch alles in Ordnung. Wenn das nicht reicht, dann können andere Menschen doch zu Fuß gehen, dann gleicht sich die Geschwindigkeit in Summe wieder aus, oder nicht? So kann ich weiter mit 50 durch die Spielstraße heizen. Zwar muss ich manchmal die Radfahrer von meiner Motorhaube kratzen, aber dafür habe ich ja auch die Knöllchen bezahlt.

Mehrfach habe ich das Argument gehört: „Ich habe 100 Hektar Wald gekauft, der gleicht meinen Fußabdruck mehr als aus.“ Das mag rechnerisch sogar stimmen, dennoch hat diese Argumentation gleich mehrere große Haken.  a) stand der Wald schon vorher da und ist in der weltweiten CO2-Kalkulation bereits berücksichtigt. b) Hast Du damit rechnerisch auch hundert Hektar Fläche verbraucht. Bei 8,3 Mrd Menschen auf der Erde hast Du jedoch nur ca. 1,5 Hektar Platz und da müssen all deine Lebensmittel auch noch drauf angebaut werden. Waldflächen alleine können unsere Emissionen nicht ausgleichen.

Anscheinend hat auch die EU mittlerweile erkannt, dass Kompensationen alleine keine Lösung sind. Seit Oktober 2026 gilt die neue EmpCo Richtlinie und Produkte mit Kompensationsmaßnahmen dürfen nicht länger als „klimaneutral“ beworben werden. Das ist ein guter Schritt.

Fazit

Geld und Förderung für Klimaprojekte sind eine gute Sache. Sie sind jedoch kein Freibrief, um an anderer Stelle Emissionen in die Luft zu pusten. Es braucht globale Förderung für Klimaprojekte und gleichzeitig den Stopp unserer Emissionen. Nur in der Kombination können wir die Erderwärmung noch stoppen.

CO₂ kümmert sich nicht um Projekt- oder Staatsgrenzen und 1,5° sind keine willkürliche Zahl sondern die wissenschaftlich berechnete Grenze bis wohin wir unser Ökosystem halbwegs stabil halten können. Euros und Dollar werden diese Grenze nicht verschieben. Physik ist unbestechlich – vielleicht ist das der Grund, warum Physik in der Politik so selten Führungspositionen einnimmt? Zeit für einen Kaffee.

 

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4 Kommentare zu „Kompensation“

  1. Gier
    kennt keine Gerechtigkeit,
    keine Grenzen,
    jedoch die Gleichgültigkeit Anderer…

    Gut, dass ihr dagegensteuert

    Danke für den „Klima-Dialog“, immer wieder super aufklärend und keck

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