Merit Order

Einige haben das Thema sicher schon vermisst. Seit Wochen schreibe ich über Preise und kein Wort über Merit Order? Dabei taucht der Begriff doch immer auf, wenn man über Strompreise spricht. Merit Order klingt zunächst wie ein irischer Hochzeitssong ist tatsächlich ein Modell zur Preisfindung für unseren Strommarkt, konkret für den Spot Markt der europäischen Strombörse.

Wir kennen schon die Strompreise vom Day Ahead Markt. Doch wie entsteht dieser Preis? Am Vortag der Lieferung geben alle Stromanbieter ihre Gebote ab. Diese Gebote richten sich nach den Grenzkosten der jeweiligen Stromquelle, also die Kosten, die anfallen, wenn eine zustätzliche Megawattstunde Strom produziert werden muss. Für Windkraft und PV sind diese Kosten quasi 0, denn beide produzieren Strom quasi ohne Verschleiß oder Produktionskosten.  Kohle und Gaskraftwerke hingegen brauchen für jede MWh zusätzlichen Brennstoff und müssen entsprechend teurer anbieten.  So sortieren sich die Stromanbieter von den „kostenlosen“ Erneuerbaren Energien über Atomkraft hin zu Kohle und am Ende Gaskraftwerken, denn seit dem Ukraine Krieg ist Erdgas ein sehr teurer Brennstoff.  Bekommen also Wind- und Solarparks kein Geld für ihren Strom? Nicht ganz.

Von der anderen Seite kommen jetzt die Stromkäufer und sagen für jede Viertelstunde, wieviel Strom sie benötigen. So ergibt sich für jeden Zeitpunkt eine Angebotskurve und eine Stromnachfrage. Der Strompreis richtet sich nun nach dem teuersten Kraftwerk, dass gerade noch benötigt wird, um die insgesamt nachgefragte Strommenge zu liefern, dieses Kraftwerk definiert den Market-Clearing-Price (MCP). Diesen MCP erhalten dann alle Anbieter, die gleich oder günstiger angeboten haben.

Alle Anbieter, die Strom verkaufen konnten, erhalten so den gleichen Preis. Anbieter, die über Marktpreis angeboten haben, gehen leer aus. Umgekehrt führt Merit Order dazu, dass Strom aus Wind und PV genau so teuer ist wie Strom aus Erdgas – zumindest an allen Viertelstunden, an denen noch Erdgas gebraucht wird, um die Nachfrage zu decken.

Merit Order mag zunächst verwirren. Windkraft und PV sollten doch günstigeren Strom liefern. Warum zahlen wir für sie also so viel wie für Erdgas oder Braunkohle? Die Antwort ist einfach. Auch Betreiber von Solar- und Windparks wollen mit ihren Investitionen Geld verdienen. Wenn der Strom zu einem Zeitpunkt am Mark 20ct wert ist, warum sollten sie dann unter Wert verkaufen? Gleichzeitig, sollen Erneuerbare Energien im Strommarkt „Vorfahrt“ haben. Denkt man darüber genauer nach, landet man früher oder später bei Merit Order.

Dennoch senken Erneuerbare den Strompreis am Spot Markt, weil ineffiziente Kraftwerke immer öfter aus dem Markt gedrängt werden. Auch gibt es heute schon Zeiten, an denen die Erneuerbaren unseren gesamten Strombedarf decken, insbesondere während der Julisonne. Mit Ausbau der Erneuerbaren und vor allem der Batteriespeicher wird unser Strommix immer häufiger vollständig erneuerbar und die teuren Kraftwerke immer öfter verdrängt. Im Ergebnis ist dann Strom nahezu kostenlos – zumindest an der Börse

(Quelle Energy Charts)

 

Im Rahmen der Energiewende wird viel über Merit Order geschrieben und diskutiert. Auch andere Modelle wären denkbar (siehe Enbw oder Bundestaganfrage). In der Praxis hat Merit Order auf die Strompreise vermutlich weniger Einfluss als die Diskussionen vermuten lassen.  Sowohl Anbieter als Einkäufer wollen planbare Preise. Der meiste Strom wird daher über langfristige Futures und PPAs verkauft. Etwa 75% des gesamten Stroms werden „over the counter“ im OTC-Markt verkauft. Merit Order hätte damit einen Einfluss von höchsten 25%.

Disclaimer: Die genannte Quelle erklärt die Angabe nicht genauer.  Alle anderen scheinen von der DIHK nur abzuschreiben und das Paper selber ist von 2020. Die 75% konnte ich daher nicht validieren. Die Größenordnung erscheint jedoch plausibel auch nach Gesprächen mit Fachleuten. 

Genauere Zahlen enthält der Monitoring Bericht der Bundesnetzagentur. Für die Lektüre brauche ich jedoch eher Schnaps als Kaffee. Auch liegen beim Strom die Handelsmengen und die tatsächlichen Liefermengen weit auseinander. Jede Kilowattstunde wird an der Börse durch Broker mehrfach hin und her verkauft, bevor sie letztlich durchs Stromnetz fließt und mir über den Wasserkocher schließlich heißen Kaffee beschert.

Anhang

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